Aktuelles

36. Tagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung

11. bis 13. November 2022

Call for Papers - Frist: 30. Juni 2022

Die Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises bildet ein offenes Forum, das Forscherinnen und Forschern verschiedener Disziplinen die Möglichkeit bietet, neue Projekte und Fragestellungen in der Katholizismusforschung in kollegialer Atmosphäre zu diskutieren. Die diesjährige Tagung findet vom 11. bis 13. November 2022 in Zusammenarbeit mit der Katholischen Akademie Schwerte statt. Die offizielle Einladung einschließlich Programm und Anmeldeunterlagen wird nach der Sommerpause verschickt.

Im Mittelpunkt stehen wie gewohnt die Vorstellung und Diskussion laufender Arbeiten zur historischen Katholizismusforschung vom 19. bis ins 21. Jahrhundert. Besonders Forscher:innen, die im Kontext von Qualifikationsschriften (Master-, Diplom-, Magisterarbeiten, Dissertationen und Habilitationen) arbeiten, sind herzlich eingeladen, ihre Projekte vorzustellen und Themenvorschläge einzureichen. Die Projektvorstellungen können unabhängig vom Thema der Generaldebatte aus der ganzen Breite der Katholizismusforschung stammen. Bewerbungen in Form eines halbseitigen Abstracts und eines kurzen Lebenslaufes sind bis zum 30. Juni 2022 an Sarah Thieme (sarah.thieme@uni-muenster) und Martin Belz (martin.belz@bistum-mainz.de) zu senden. Wir freuen uns über alle Bewerbungen!

Am Sonntagvormittag widmet sich die Jahrestagung im Rahmen der Generaldebatte traditionell einem spezifischen Thema der Katholizismusforschung, zu dem nachfolgend erste Hinweise gegeben werden. Das Thema lautet in diesem Jahr:

Doing gender catholically? (Körper)Praktiken und Prozesse der sozialen Konstruktion von Geschlecht im Katholizismus

In der (kirchen-)historischen Forschung rücken (Körper)Praktiken und Prozesse der sozialen Konstruktion von Geschlecht zunehmend in den Fokus: Aktuell wird unter anderem der Umgang von Katholik:innen mit der kirchlichen Sexualmoral untersucht, beispielsweise in Bezug auf Praktiken der Empfängnisverhütung. Dabei liegen den abstrakten Normen und tatsächlichen Praktiken konkrete Körperbilder und Geschlechterrollen zugrunde. Darüber hinaus steht die Aufarbeitung der Missbrauchsskandale im Bereich der Kirche – d. h. sowohl der Taten selbst als auch des innerkirchlichen Umgangs mit diesen – im Fokus mehrerer Forschungsgruppen. Dabei werden auch Aspekte der Geschlechterkonstruktionen, insbesondere der zölibatären Priester, und von Normerwartungen an geschlechtertypisches Verhalten, die Missbrauch möglicherweise begünstigten und als »typisch katholisch« gelten können, thematisiert.

Zugleich war und ist der Gender-Begriff in Teilen der katholischen Kirche weiterhin umstritten. Nicht nur in Lehrschreiben, auch von katholischen Vertreter:innen des »Anti-Genderismus« wird die soziale Konstruktion von Geschlechteridentitäten und -konstruktionen bis heute in Frage gestellt. So werden die Einschränkungen von Rechten von Menschen, die sich nicht-binär oder nicht heteronorm einordnen, sowie von Akteur:innen und Aktivist:innen der LGBTIQ+-Bewegung in verschiedenen Ländern gegenwärtig auch christlich begründet und zum Teil von der katholischen Kirche unterstützt. Die Segnung homosexueller Paare ist bis heute seitens des Vatikans verboten – wenn auch viele Gläubige und Seelsorger:innen in Deutschland dies anders sehen und entsprechend handeln. Dabei zeigt sich, dass das Festhalten des Lehramtes an einer normativ gesetzten Trennung von Mann und Frau, die alle sich nicht in dieses binäre Schema einordnenden Menschen diskriminiert, sowie an »stereotypen Gender-Containern«[1] zunehmend in Konflikt mit dem gender doing im Alltagsleben vieler Katholik:innen stand und steht, das sich in der Praxis diverser und pluraler gestaltet.

Vor diesem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in Gesellschaft, Kirche und Forschung widmen wir uns in der Generaldebatte der 36. Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises dem Thema »(Körper)Praktiken und Prozesse der sozialen Konstruktion von Geschlecht im Katholizismus« in historischer Perspektive. Dabei möchten wir den Fragen nachgehen, wie sich geschlechtliche Rollenmodelle im Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert ausprägten, differenzierten und wandelten sowie welche Konflikte dabei auftraten – etwa zwischen amtskirchlicher Weisung und Alltagshandeln der Gläubigen, aber auch zwischen diversen Gruppierungen innerhalb der katholischen Welt. Wir fragen danach, welche spezifisch (?) katholischen Geschlechterbilder, (Körper)Praktiken und sozialen Prozesse geschlechtliche Konstruktionen und Identitäten entstehen ließen, reproduzierten oder in Frage stellten. Welche Rolle spielten Religion, Frömmigkeitsformen, katholische Lebensführung sowie die Institution Kirche bei der sozialen Herstellung von Geschlecht sowie in der historischen Entwicklung jener Bedeutungszuschreibungen?

Für die Diskussion dieses Themas konnten wir Alina Potempa (Berlin) und Regina Heyder (Mainz) als Referentinnen gewinnen. Alina Potempa wird eine emotionsgeschichtliche Lesart der biopolitischen Debatten rund um die Enzyklika Humanae vitae im deutschen Katholizismus vorstellen, bei der Praktiken der Geschlechtskonstruktion eine entscheidende Rolle spielen. Auf der Quellengrundlage autobiografischer Berichte wird Regina Heyder einen Einblick in die Erforschung von Geschlechterkonstruktionen im Kontext des Missbrauchs an erwachsenen Frauen in der Katholischen Kirche geben.

Aktuell planen wir die Tagung als Präsenzveranstaltung, gegebenenfalls ergänzt um hybride Formen. Falls von der Pandemielage her nötig, wird die Tagung in ein digitales Format umgewandelt.

 

Der Call for Papers der 36. Jahrestagung 2022 steht als Download (pdf) bereit.

Fragen

Wenn Sie allgemeine Fragen zur Jahrestagung 2022 des Schwerter Arbeitskreises haben, schreiben Sie bitte dem Sprecher*innenteam.



[1] Michael Schüßler, Diskriminierung als Identität? Phänomene von Un/doing Gender in der Katholischen Kirche, in: Gero Bauer u. a. (Hg.), Diskriminierung und Antidiskriminierung. Beiträge aus Wissenschaft und Praxis, Bielefeld 2021, S. 169.